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Little Darling Jialing

Die erste Jialing-Ausfahrt eines erfahrenen Gespanntreibers.
Ein Fahrbericht mit Augenzwinkern.

Peking-Ente mit Charming-Faktor

Gespannt wartete ich auf die Gelegenheit, so einen kleinen China-Kracher mal Probe zu fahren. Einzelne Fahrzeuge dieser neuen Gattung chinesischer Akrobatik auf 3 Rädern wurden ja in Good Old Europe bereits auf dem EGT 2012 gesichtet.

Etwas verstörende Wannenoptik

War man aus der Chinaküche bisher nur Rustikales in Form von grobschlächtigen Kopien germanischer Pre-War-Konstruktionen gewohnt, so überrascht Little Darling Jialing doch mit einem gewissen Charm-Faktor westlicher Moderne: Nähert man sich von „vorne links“ so schauen einen 2 Scheinwerfer mit Wespenblick an, garniert mit Speichenrädern für Nostalgiker und Grobstollern für Offroad-Ambitionierte, also von allem etwas und somit ein echt „Siam-chinesischer Eintopf“.

Jialing Wannenoptik

Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die Beiwagenseite: Die hier etwas verstörende „Wannenoptik“ lässt sich allerdings nicht so recht mit konventionellen Harmonievorstellungen in Einklang bringen… Zudem heißt es bei Regen ganz schnell: „Du, die Wanne ist voll!“

Scharf-hässlich oder hässlich-scharf

Aber bei Gespannen ist ja eh alles asymmetrisch und die Jialing setzt halt noch einen drauf in Bezug auf Styling mit pikant asiatischer Würzmischung. Schon irgendwie „scharf“ das Entlein, man könnte auch sagen „scharf-hässlich“ oder „hässlich-scharf“ je nach Blickwinkel und Geschmacksrichtung. Die große Bodenfreiheit und die Grobstoller rufen nach Tundra, das Design und die Technik der Zugmaschine gehen eher in Richtung „Test the West“.

Für den Fall der Fälle, also Rad und Speichenbruch im Nirgendwo, hält der Gepäckträger noch ein 4. Rad bereit, das sich dreiseits verwenden lässt. Das ist nicht nur alte Gespann-Konstruktions-Schule, sondern lässt moderne Hersteller und ihre Dreirad-Interpretationen alt aussehen. Dass in heutigen Zeiten kaum noch ein Ersatzrad benötigt wird, steht eher auf einem anderen Blatt. Macht auf jeden Fall „viel her“ und gibt dem eher biederen Blechwannen-Design doch noch ein Flair von Abenteuer.

Erstens Fazit des appetitfördernden Auges: Unser hübsch-hässliches Entlein ist so etwas wie ein China-SUV für Gespannler: Rustikal-moderner Charme gepaart mit Abenteuer-Komponente: Man könnte (gefühlt) überall durch, muss aber nicht. Der Eye-catching Faktor ist dennoch ungleich höher als in der uniformen Vierradszene.

Sitzprobe for Langbeiner

So, jetzt aber Sitzprobe für Langbeiner des Westens: 1. Rastentest auf linker Fußraste und Wipptest, knapp 100 Kilo gegen den vermeintlich leichten Beiwagen. Wie da liegen nur angeblich 40 Kg Zusatzbalast drin?! Da hebt sich nix, wie angewurzelt, die Federung taucht voll ein aber das Boot klebt am Boden. Ich falte meine knapp 2 Meter in die Sitzmulde und schlinge die Knie um den „Büffeltank“, passabel auch für Sitzriesen, der breite Lenker liegt gut in der Hand, Füße, ja, rechts wird’s eng für großfüßige Germanen. Im Stabilitätswahn hat da einer ´ne zusätzliche Querstrebe hin gebaut, sodass so ab Größe 45 die Fußspitze keine entspannte Ausweichmöglichkeit hat und auf Stahl stößt. Für kurze Touren wird´s schon reichen mit etwas krampfhaft angehobener Fußspitze.

Zündung an und Geräusch einer Pumpe ?! Stimmt ja, moderner Einzylinder mit West-Wurzeln und Bosch-eingespritzt ist´s, Knöpfchen drücken und Start. Poltert etwas blechern los aus dem rechtseitig oben verlegten Edelstahl-Pott und läuft recht hochtourig für 6 Grad Außentemperatur.
Passagier in Form der 15 jährigen Tochter eingeladen - absoluter Beiwagenprofi mit lebenslanger Gespann-Erfahrung -  allerdings zum ersten Mal in so einem „offenen“ Beiwagen, den lediglich ein nachgerüstetes Zusatzwindschild ziert. Der Einstieg erfolgt über einen Fußbügel der Design-Kategorie „Badewannen-Ausstiegshilfe“. Sitz ist bequem und Sitzposition aufrecht thronend, ein erstes Grinsen macht sich breit.

Jialing in der Fränkischen Schweiz

Kurze Lenkprobe im Stand mit Probe der „Jialing-Servo-Lenkung“. Lenkkräfte wie beim Fahrrad. Hier haben die Chinesen sämtliche Erfahrung ihres Hauptverkehrsmittels Arthrose-hemmend eingebracht.

Geht ja gut los

Anfahren mit erhöhtem Standgas ist nicht, denn nachdem man erst einmal den nach oben zu schaltenden 1. Gang gefunden hat und die Kupplung gewohnt kommen lässt, ist schlagartig Ruhe. Na prima, geht ja gut los!

Zweiter Versuch, von wegen Dampfhammer, also Gas auf und zügig nach links um´s Eck. Wow! das geht aber zackig! Jetzt ein paar Lenkübungen und Kreise links und rechts herum. Rad hoch – null problemo! Wenden rechts herum und links herum fast auf der Stelle. Wie haben die das bloß hingekriegt?

Das Geheimnis liegt in einer Black Box am hinteren unteren Beiwagenanschluss: Hier laufen ansonsten unsichtbare Seilzüge von der Gabelbrücke kommend in einen „Lenkungskraftverteiler“ der Marke undurchschaubar, eben versteckt unter der Plastikabdeckung. Das Beiwagenrad lenkt mit, rechts wie links und sogar mit „radius-adaptiertem Drehwinkel“ unterschiedlich für Rechts- oder Linksdrehungen. Häh? Was´n jetzt? Wie rum, wieviel? Na klar rechts rum mehr Einschlag und links rum weniger Einschlag des Seitenwagenrades. Egal, echt „süß-sauer“: alles undurchschaubar drin in der magisch schwarzen Kiste und das Produkt ist fantastisch: Gefühlt keine Lenkkräfte, kein Spiel in der Übertragung und überragende Handlichkeit und Wendigkeit – genau das Gegenteil von unserem fast 2 Meter breiten Familiendickschiff.

So, jetzt auf die Landstraße und Beschleunigung; tja, leider auch hier das Gegenteil zum sonst Gewohnten: Japan Vierzylinder mit über hundert PS gegen China-Böller mit knapp 40 „Prospekt PS“. Der Eintopf ist etwas, na ja, zäh im Anzug. Der Motor ist auf Drehzahl ausgelegt, die man ihm so nicht sofort zutrauen möchte. Langsam warmfahren und schön in die Fränkische Schweiz.

Gespann Feeling pur

Hier liegt genau das Terrain des flotten China-Dreiers. Kurvenreich, hügelig mit Landstraßen vorwiegend 2. Ordnung und darunter. Spurrillen, kein Problem, die etwas gerundete Laufkontur der Stollenreifen und die „Servolenkung“ gleichen alles aus. Schlaglöcher und Wellenprofil, kein Problem, die Federung bügelt viel aus und die Telegabel ist erstaunlich schluckfreudig. Dass sie in enger werdenden, etwas zügiger genommenen Rechtskurven tiefer eintaucht, ist konstruktionsbedingt und gut kalkulierbar.
Das Peking-Entlein verleitet zu forscher, spaßorientierter Fahrweise, die Beifahrerin grinst mit zerzaustem Haar und ist begeistert: Gespann-Feeling pur. Am besten man fährt so um die 90, da halten sich „blecherner Auspuffklang und das jeep-artige Wimmern der Bereifung die Waage. Darüber klingt es im letzten Vorwärtsgang, dem 4., irgendwie angestrengter, auch wenn dem Motor durchaus mehr zuzutrauen ist.

Jialing in der Fränkischen Schweiz


Sollte man etwas zu „lustorientiert“  und zügig unterwegs sein, helfen einem die ausgezeichneten Stopper: Auch hier hat die Konstruktion „Hand und Fuß“: geringe, transparente Bedienkräfte und enorm effektiv. Große Spurtreue durch die Bremsenkombi: Egal ob Hand- oder Fußbremse, der Beiwagen bremst immer mit, 2 Sättel an der Scheibenbremse des Beiwagen machen es möglich, alles Stahlflex-armiert, was will man mehr. Beim starken Verzögern mit der Handbremse taucht natürlich zusammen mit der Tele auch das Boot etwas ab, aber das ist alles im sicheren, kalkulierbaren Bereich und macht auch einen eigenen Reiz aus. Übrigens: beim Fahren ist einem die Optik des Bootes völlig egal.

So, jetzt noch einmal schnell auf einen leeren, geschotterten Parkplatz und wildes Kreise-Drehen: Man kann das Ding quasi auf dem Vorderrad „links herum“ wenden, wobei die Hinterhand dann sehr leicht wird; also Schleuderwenden auf Asphalt würde ich nur mit „Wheelie-Bar“ vorne am Boot machen. Vielleicht ist das ja auch der Grund für den original hier montierten Frontträger: hier könnte man dann ein verstecktes Mini-Rad anbringen, denn ein Abrollen über die Bootsnase stelle ich mir eher „uncool“ vor.

Ungewollter Applaus

So, als Krönung noch den Rückwärtsgang probieren: Da wo bei vielen Mopeds der Chokezug endet – griffgünstig oben am Tacho – ist hier ein Wipphebelchen mit „R“ drauf: Hebel nach oben „umlegen“ und … ne, richtig, jetzt aus dem Leerlauf nach unten schalten und im Display der Ganganzeige erscheint ein unscheinbares „R“ … . Jetzt die Kupplung mit –richtig! mehr Gas als vermutet nötig – kommen lassen und das Ding rollt zügig rückwärts – der Hammer. Die offen laufende Antriebskette überträgt auch diese Kräfte klaglos. So kann man die Kettenräder auch mal in Gegenrichtung belasten!
Wer wissen möchte, wo die sonst gefühlt fehlenden Rückstellkräfte der Lenkung geblieben sind, muss nur mal in einem 90 Grad-Rückwärts-Manöver die Enduro Lenkstange loslassen. Holla, die Wildsau! hier haben sie sich alle versteckt. Ich glaube, an solche Spaßmanöver sollte man sich langsam herantasten, sonst bekommt man vor Eisdielen oder am Treff völlig ungewollten Applaus.

So, was gibt´s noch zu vermelden von der „Chinesen-Front“?

Am Material wurde nicht gespart

Nun ja, die Kontrollleuchten im modernen Cockpit sind nicht die „Hellsten“, dafür leuchtet der Scheinwerfer munter in den Gegenverkehr, denn ich deute die vielen Lichthupen der entgegenkommenden Blechkolonnen mal nicht als freundliche Begrüßung von Rote-Armee-Dreirädern.
Es gibt eine praktische Feststellbremse für den Stand, deren Ratschen-Mechanismus auf den Handbremshebel greift. Wer eher „Torwarthände“ hat, kommt hier während der Fahrt ggf. beim Betätigen ungewollt mit dem Mechanismus in Berührung. Also ähnlich wie bei der Fußbremse müssen Leute mit etwas mehr „Platzbedarf“ mit gewissen Einschränkungen beim Bedienungskomfort leben.
Das verwendete Material lässt zunächst einmal auf eine angemessene Halbwertszeit schließen, Edelstahlauspuff und üppige Rohrverbindungen sind gute Voraussetzungen. Am Material wurde nicht gespart, am Finish könnte man arbeiten, aber da sind Gespannfahrer ja durchaus erfindungsreich.

Rad hoch mit Tochter

Die Fahrsicherheit ist gut und die Auslegung der dreirädrigen asiatischen Würzmischung praktisch: Gepäckträger, Reserverad und Co. lassen grüßen. Die im Auslieferungszustand fehlende Spritzdecke für das Boot interpretiert die „Innen-Außen-Beziehung“ auf „chinesische Art“. Mögen die überall angeschweißten Zurrösen kein Indiz dafür sein, dass das „Entlein“ oft per Trailer in einheimische Gewässer zurückgeholt werden muss!!

Bleibt zu sagen: Enormer Fun-Faktor mit Sicherheitsreserven und der Hoffnung auf lange Haltbarkeit. Der nächste Winter kommt bestimmt, und dann werden die schon bei feuchten Straßen rutschenden China-Gummis und die noch glänzenden Speichen und Felgen zeigen müssen, was alles noch hinter der imponierenden Fassade steckt. Und auch die Kette dürfte ohne Zusatzöler ordentlich leiden – schade, denn hier wäre der Kardan nicht nur eine nostalgische Replik gewesen!

Der Eintopf hat gut geschmeckt

Mir jedenfalls hat der Eintopf bisher gut geschmeckt und die vom direkten Fahrgefühl verzückte Beifahrerin war vom Entlein auch dank eines Windschutzes begeistert. Will man also Mitfahrer verzücken, sollte es an diesem Stück Plastik nicht scheitern, denn die Geräuschkulisse im Boot ist auch so schon imponierend genug.

Wer also weder finanziell noch tatsächlich auf „zu großem Fuß“ lebt, für den ist Darling Jialing ein echter Kracher. Klingt zwar etwas blechern, ist aber gleichzeitig „süß-sauer“, hübsch-hässlich und exotisch-nostalgisch. Wer darin zu viele Widersprüche sieht muss diese dreirädrige Asia-Mischung mit 4 Rädern ja nicht unbedingt kaufen. Für Fans ist Little Darling Jialing nicht nur ein Knaller sondern stark suchtgefährdend. War China nicht auch das Land des Opiumanbaus …?!

Erlangen, im Juni 2013

Dieser Bericht erschien auch gekürzt in der Motorrad-Gespanne Nr. 137.

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